Die ersten 30 Tage im Pflegefall: Was du sofort regeln solltest
Hinweis: Dieser Beitrag gibt eine praktische Orientierung für Familien in den ersten Wochen eines Pflegefalls. Er ersetzt keine individuelle Rechts-, Sozial- oder Steuerberatung. Konkrete Ansprüche und Abläufe können je nach Pflegekasse, Bundesland und persönlicher Situation abweichen.
1. Warum die ersten 30 Tage so wichtig sind
Ein plötzlicher Pflegefall – zum Beispiel nach einem Sturz, Schlaganfall oder Krankenhausaufenthalt – stellt Familien oft von einem Tag auf den anderen auf den Kopf. In kurzer Zeit müssen viele Entscheidungen getroffen werden:
- Wie geht es medizinisch weiter?
- Kann die Pflege zu Hause stattfinden – und wenn ja, wie?
- Welche Leistungen stehen uns grundsätzlich zu?
- Wer kümmert sich um Anträge, Termine und Organisation?
Die gute Nachricht: Du musst nicht alles gleichzeitig regeln. Es hilft, die ersten 30 Tage in Etappen zu denken und Schritt für Schritt vorzugehen.
2. Tag 1–3: Akute Situation stabilisieren
In den ersten Tagen steht die medizinische Stabilisierung im Vordergrund. Viele Dinge können später geklärt werden – jetzt geht es zunächst darum, Sicherheit herzustellen.
2.1 Medizinische Versorgung & Ansprechpartner
- Sprich mit den behandelnden Ärzt:innen (Krankenhaus, Hausarzt, Fachärzte) und bitte um eine klare Einschätzung:
- Wie ist der aktuelle Gesundheitszustand?
- Welche Einschränkungen sind wahrscheinlich dauerhaft?
- Wird voraussichtlich dauerhaft Hilfe im Alltag benötigt?
- Falls der Mensch noch im Krankenhaus ist: Frage nach dem Sozialdienst. Dort bekommst du erste Infos zur Entlassung und möglichen Hilfen.
2.2 Familien- und Kontaktorganisation
- Lege eine Kontaktliste an:
- Hausarzt, Fachärzte
- Pflegekasse (bei welcher Krankenkasse angesiedelt?)
- wichtige Angehörige und Vertrauenspersonen
- Bestimme – wenn möglich – eine „Haupt-Ansprechperson“ in der Familie für Telefonate, Termine und Unterlagen.
2.3 Vollmachten prüfen
Falls vorhanden, suche vorhandene Unterlagen wie:
- Vorsorgevollmacht
- Patientenverfügung
- Betreuungsverfügung
Diese Dokumente regeln, wer Entscheidungen treffen darf, wenn die betroffene Person eingeschränkt entscheidungsfähig ist. Wenn es keine Dokumente gibt, ist das zunächst kein Hindernis – aber es ist gut, das Thema mittelfristig anzugehen.
3. Tag 4–7: Pflegegrad beantragen & Überblick gewinnen
In der ersten Woche sollte möglichst früh der Antrag auf Leistungen der Pflegeversicherung gestellt werden. Das ist die Grundlage für viele weitere Leistungen.
3.1 Pflegegrad bei der Pflegekasse beantragen
- Rufe bei der Pflegekasse an (sie ist bei der jeweiligen Krankenkasse angesiedelt).
- Formulierungshilfe: „Ich möchte für [Name] einen Pflegegrad beantragen.“
- Bitte um Zusendung des Antrags (per Post oder online) oder nutze die Online-Formulare, falls vorhanden.
- Wichtig: Das Datum des Antragseingangs ist entscheidend, weil Leistungen in der Regel rückwirkend ab diesem Zeitpunkt gewährt werden können.
3.2 Erste Bestandsaufnahme im Alltag
Notiere dir über ein paar Tage hinweg, bei welchen Tätigkeiten Unterstützung nötig ist, zum Beispiel:
- Aufstehen, Hinsetzen, Umlagern im Bett
- Waschen, Duschen, Toilettengänge
- An- und Auskleiden
- Essen und Trinken (Zubereitung, Aufnahme, Erinnerung)
- Haushalt (Einkaufen, Putzen, Wäsche)
- Orientierung, Antrieb, Stimmung, Vergesslichkeit
Diese Notizen helfen später bei der Begutachtung durch den MD/MDK und geben dir selbst einen klareren Blick auf die Situation.
4. Woche 2: Begutachtung vorbereiten & Unterlagen sammeln
In der zweiten Woche kündigt sich häufig bereits ein Begutachtungstermin durch den Medizinischen Dienst (MD/MDK) oder MEDICPROOF (bei Privatversicherten) an – oder du weißt zumindest, dass er bald kommen wird.
4.1 Unterlagen sortieren
- Alle relevanten Arztbriefe, Entlassungsberichte, Diagnosen sammeln.
- Liste mit Dauermedikamenten erstellen.
- Notizen zum bisherigen Verlauf: seit wann bestehen die Einschränkungen? Gab es Verschlechterungen?
4.2 Vorbereitung auf die Begutachtung
- Die pflegebedürftige Person sollte beim Termin realistisch zeigen, wie der Alltag tatsächlich aussieht – nicht „gute Tage vorspielen“.
- Eine Bezugsperson (Angehörige:r) sollte beim Termin dabei sein und ergänzen, wenn wichtige Punkte sonst unter den Tisch fallen würden.
- Die Notizen aus der ersten Woche (wo wird Hilfe benötigt?) bereithalten.
Es kann hilfreich sein, vorab einen Pflegeberatungs-Termin zu vereinbaren, um sich gezielt auf die Begutachtung vorbereiten zu lassen.
5. Woche 3: Pflegeform und Unterstützung planen
Spätestens in der dritten Woche stellt sich die Frage: Wie organisieren wir die Pflege langfristig?
5.1 Pflege zu Hause – wer macht was?
- Gemeinsam mit der Familie klären:
- Wer kann welche Aufgaben übernehmen (z. B. morgens, abends, am Wochenende)?
- Gibt es Personen, die regelmäßig unterstützen können (Nachbarn, Freunde)?
- Überlegen, ob ein ambulanter Pflegedienst eingebunden werden soll:
- für Körperpflege, Medikamentengabe, Verbände
- zur Entlastung der Angehörigen
5.2 Kontakt zu Pflegediensten & Beratungsstellen
- Mehrere Pflegedienste anfragen:
- Welche Kapazitäten haben sie?
- Welche Leistungen bieten sie an?
- Wie sieht die Erreichbarkeit im Notfall aus?
- Pflegeberatung (Pflegestützpunkte, Pflegekasse) nutzen, um:
- Leistungen im Detail erklärt zu bekommen,
- Hilfe bei der Auswahl der passenden Leistungen zu erhalten.
5.3 Übergangslösungen
Manchmal ist eine Kurzzeitpflege oder eine zeitweise Tagespflege sinnvoll, zum Beispiel:
- nach einem Krankenhausaufenthalt, um Kräfte zu sammeln,
- wenn zu Hause noch nicht alles organisiert ist,
- oder wenn Angehörige (noch) nicht dauerhaft pflegen können.
6. Woche 4: Leistungen strukturieren & Alltag organisieren
In der vierten Woche liegen häufig bereits Pflegegrad-Bescheid und erste Angebote von Pflegediensten vor. Jetzt geht es darum, Leistungen konkret zu nutzen und Alltagstrukturen zu schaffen.
6.1 Pflegegrad-Bescheid prüfen
- Ist der zuerkannte Pflegegrad realistisch im Vergleich zu den tatsächlichen Einschränkungen?
- Falls ihr das Gefühl habt, der Pflegegrad ist zu niedrig: Es besteht in der Regel die Möglichkeit zum Widerspruch (Frist beachten).
6.2 Leistungen im Überblick strukturieren
Je nach Pflegegrad kommen u. a. folgende Leistungen infrage:
- Pflegegeld (bei häuslicher Pflege durch Angehörige)
- Pflegesachleistungen (bei Einsatz eines Pflegedienstes)
- Kombinationsleistung (Mischung aus Pflegegeld und Sachleistung)
- Pflegehilfsmittel zum Verbrauch (z. B. Handschuhe, Desinfektion, Bettschutz)
- Entlastungsbetrag (für anerkannte Entlastungsangebote)
- Verhinderungs- und Kurzzeitpflege (zeitweise Entlastung)
- Zuschüsse für wohnumfeldverbessernde Maßnahmen (z. B. Badumbau, Hilfsmittel)
Ein einfacher „Pflege-Ordner“ (analog oder digital) hilft, den Überblick zu behalten: Bescheide, Anträge, Verträge, Kontaktdaten.
6.3 Alltagsstruktur schaffen
- Feste Pflege- und Therapiezeiten planen (z. B. morgens Körperpflege, nachmittags Übungen).
- Aufgaben unter Angehörigen aufteilen, z. B.:
- Person A: Termine & Papierkram
- Person B: Einkäufe & Haushalt
- Person C: Begleitung zu Arztterminen
- Regelmäßige Entlastungszeiten für die Hauptpflegeperson einplanen.
7. Rechtliches & Finanzielles im Blick
Neben der praktischen Pflege ist es wichtig, auch rechtliche und finanzielle Themen im Blick zu behalten.
7.1 Vollmachten & Verfügungen (sofern möglich)
- Prüfen, ob eine Vorsorgevollmacht existiert oder erstellt werden kann.
- Patientenverfügung und Betreuungsverfügung prüfen bzw. anstoßen, sofern gewünscht.
7.2 Bankvollmachten & Zahlungen
- Sicherstellen, dass wichtige Rechnungen weiter bezahlt werden können (Miete, Strom, Versicherungen).
- Ggf. Kontovollmacht bei der Bank einrichten, wenn die Person ihre Bankgeschäfte nicht mehr selbst erledigen kann.
7.3 Beruf & Pflege vereinbaren
- Arbeitgeber über die Situation informieren.
- Mögliche Optionen prüfen:
- kurzfristige Arbeitsverhinderung (Pflegeunterstützungsgeld),
- Pflegezeit oder Familienpflegezeit (je nach Arbeitsverhältnis),
- flexiblere Arbeitszeitmodelle.
Für Detailfragen lohnt sich eine Beratung durch Pflegeberatung, Sozialdienst oder spezialisierte Beratungsstellen. Dieser Beitrag kann nur eine erste Orientierung geben.
8. Emotionale Entlastung für Angehörige
Ein Pflegefall trifft nicht nur die betroffene Person, sondern das gesamte Familiensystem. Überforderung, Schuldgefühle und Erschöpfung sind häufig.
- Sprich offen in der Familie darüber, wer wie belastet ist.
- Nimm Unterstützung an – sei es durch Freunde, Nachbarn oder professionelle Dienste.
- Überlege, ob es dir guttut, mit anderen pflegenden Angehörigen in Kontakt zu treten (Selbsthilfegruppen, Online-Communities).
- Plane bewusst kleine Erholungsinseln für dich ein (Spaziergänge, Ruhezeiten, Hobbys in kleinem Rahmen).
Du musst nicht alles alleine schaffen. Pflege ist ein Marathon, kein Sprint – gerade deshalb ist Früh-Entlastung so wichtig.
9. 30-Tage-Checkliste
Diese Checkliste kannst du dir ausdrucken oder als Orientierung nutzen:
- [ ] Akute medizinische Versorgung geklärt (Ärzt:innen, Entlassungsbericht, Medikamente)
- [ ] Pflegekasse kontaktiert & Pflegegrad beantragt
- [ ] Erste Notizen zu Einschränkungen im Alltag erstellt
- [ ] Unterlagen gesammelt (Arztbriefe, Diagnosen, Medikamentenliste)
- [ ] Auf Begutachtung durch MD/MDK vorbereitet (Termin, Unterlagen, Bezugsperson)
- [ ] Grundsatzentscheidung: Pflege zu Hause, mit/ohne Pflegedienst oder Übergangslösung (z. B. Kurzzeitpflege)
- [ ] Pflegegrad-Bescheid geprüft (ggf. Widerspruchsfrist im Blick)
- [ ] Übersicht über mögliche Leistungen erstellt (Pflegegeld, Sachleistungen, Pflegehilfsmittel, Entlastungsbetrag usw.)
- [ ] Erste Alltagsstruktur geplant (wer macht was, wann kommt der Pflegedienst?)
- [ ] Vollmachten & Kontovollmachten geprüft oder angestoßen
- [ ] Arbeitgeber über Pflegesituation informiert (falls relevant)
- [ ] Eigene Entlastungszeiten eingeplant / Unterstützung organisiert
10. Wie geht es weiter?
Nach den ersten 30 Tagen beginnt die eigentliche Pflegephase. Jetzt geht es darum, das Gefundene zu stabilisieren und anzupassen:
- Regelmäßig prüfen: Passen die Leistungen noch zur aktuellen Situation?
- Bei Verschlechterung: über einen Höherstufungsantrag nachdenken.
- Entlastungs- und Beratungsangebote aktiv nutzen (Pflegeberatung, Kurse für pflegende Angehörige, Selbsthilfegruppen).
In weiteren Beiträgen erklären wir u. a. genauer:
- Wie du den Pflegegrad beantragst – inklusive Formulierungsbeispielen.
- Wie eine MD-/MDK-Begutachtung konkret abläuft und wie du dich vorbereiten kannst.
- Welche Leistungen im Detail zur Verfügung stehen und wie du sie optimal kombinierst.
Du darfst dir Zeit nehmen. Wichtig ist nicht, alles perfekt zu machen – sondern Schritt für Schritt die Unterstützung zu nutzen, die euch zusteht.



